07.Juni-2026/P-headli.-cont.-red./492[163(38-22)]/CLA-328/17-2026

Es war ein Beschluss, der in Crivitz schneller kam, als viele BĂŒrger ĂŒberhaupt erfassen konnten. Wochenlang schien das Thema kaum sichtbar, keine vertiefte Beratung in den AusschĂŒssen, keine öffentliche Diskussion, keine transparente Darstellung der finanziellen und rechtlichen Tragweite. Und dann, plötzlich, stand die Entscheidung auf der Tagesordnung der Stadtvertretung am 28.05.2026: Beitritt zum Energieverbund Nord, Beitritt zum Zweckverband âKommunaler Energieverband LudwigslustâParchim (KEVâLuP)â, und damit der Einstieg in eine Konstruktion, die fĂŒr die kommunale Ebene ungewöhnlich komplex und rechtlich wie finanziell weitreichend ist.
Der offizielle Anlass, so heiĂt es in der Beschlussvorlage, sei die geplante Errichtung mehrerer Windenergieanlagen im Bereich Wessin. Der VorhabentrĂ€ger habe sich verpflichtet, mindestens eine Windkraftanlage zur ErfĂŒllung der Pflichten aus dem BĂŒrgerâ und Gemeindebeteiligungsgesetz MâV (BĂŒGembeteilG) an die Stadt Crivitz zu ĂŒbertragen, damit BĂŒrger und Gemeinde wirtschaftlich beteiligt werden können.

Doch die Vorlage sagt ebenso deutlich: Die Stadt verfĂŒgt weder ĂŒber das Kapital noch ĂŒber das Knowâhow, um eine solche Anlage selbst zu betreiben oder die damit verbundenen Risiken zu steuern. Deshalb solle die Beteiligung âĂŒber den Energieverbund Nord und den neu zu grĂŒndenden Zweckverbandâ erfolgen. Damit beginnt die eigentliche Geschichte. Denn der KEVâLuP ist nicht irgendein Verband, sondern eine öffentlichârechtliche HĂŒlle, die geschaffen wurde, um Beteiligungen an Windâ und Solarprojekten zu bĂŒndeln. Er trĂ€gt den vollstĂ€ndigen Namen âKommunaler Energieverband LudwigslustâParchim (KEVâLuP)â, hat seinen Sitz in Brunow und soll â so die Satzung â die Aufgabe ĂŒbernehmen, eine âsichere, nachhaltige und umweltgerechte Energieversorgungâ durch Beteiligungsmanagement zu gewĂ€hrleisten. Er erzeugt keine Energie, er betreibt keine Anlagen, er ist ein Verwaltungsâ und Beteiligungsinstrument.

Gemeinden â Zweckverband KEVâLuP â KFBâLuP â Projektgesellschaften (SPV).
Parallel dazu existiert die zweite Ebene: die KAG Nord GmbH & Co. KG, eine privatrechtliche Kommanditgesellschaft, ĂŒber die die Gemeinden mittelbar Mitglied der Energie Nord eG werden. Diese KAG Nord ist in der Beschlussvorlage ausdrĂŒcklich genannt: Crivitz ist ihr bereits beigetreten, mit einer Einlage von 10.000âŻEuro. Ăber diese Beteiligung erhĂ€lt die Stadt Zugang zur Genossenschaft Energie Nord eG, die als StrukturtrĂ€ger des Energieverbunds fungiert. Die dritte Ebene bildet die Kommunale Finanzierungsâ und Beteiligungsgesellschaft LuP (KFBâLuP), eine weitere GmbH & Co. KG, die kĂŒnftig die eigentlichen Projektbeteiligungen hĂ€lt. Der Zweckverband soll 80âŻ% dieser Gesellschaft ĂŒbernehmen, die Energie Nord eG behĂ€lt 20âŻ%. Diese KFBâLuP wiederum beteiligt sich an einzelnen Projektgesellschaften (SPV), die jeweils als GmbH & Co. KG organisiert sind.

Es handelt sich um einen âkommunalpolitischen Einstieg in ein unkartiertes Beteiligungsterrainâ, ein Schritt in eine Struktur, die rechtlich möglich, aber politisch und finanziell hochsensibel ist. Die Beschlussvorlage selbst beschreibt diesen Schritt als notwendig, um die gesetzlichen Anforderungen des BĂŒGembeteilG zu erfĂŒllen und den BĂŒrgern eine wirtschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Doch sie sagt ebenso klar: Die Stadt Crivitz kann die Aufgabe nicht selbst erfĂŒllen, weder finanziell noch organisatorisch. Deshalb soll der Zweckverband die Rolle ĂŒbernehmen, die eigentlich der Kommune obliegt â inklusive Beteiligungsmanagement, Risikosteuerung und Finanzierung. Was jedoch in der Vorlage nur am Rande erwĂ€hnt wird, ist die politische Dimension: Der KEVâLuP wird von den Standortgemeinden dominiert, allen voran Brunow, das mit 8.820âŻEuro Stammkapital 67,91âŻ% der Stimmen hĂ€lt. Die Stadt Crivitz hingegen bringt 100âŻEuro ein â und erhĂ€lt damit 0 Stimmen. Die Stadt tritt also einer Struktur bei, in der sie keine Entscheidungsmacht, aber volle finanzielle Pflichten trĂ€gt, einschlieĂlich möglicher Umlagen, NachschĂŒsse und Haftungsanteile.

Dass ein solcher Beschluss ohne vorherige Ausschussberatung, ohne öffentliche Erörterung und ohne transparente Darstellung der Risiken gefasst werden sollte, ist bemerkenswert. Denn die Vorlage selbst beschreibt Szenarien, in denen der Zweckverband Kredite aufnehmen muss, in denen Projekte ausfallen können, in denen Umlagen erhoben werden mĂŒssen, wenn ErtrĂ€ge ausbleiben. Sie beschreibt ausdrĂŒcklich, dass im âWorstâCaseâSzenarioâ der Verband Zins und Tilgung leisten muss, auch wenn ein Projekt scheitert â und dass diese Last ĂŒber Umlagen auf die Gemeinden verteilt wird. All dies zeigt: Der Beitritt ist kein technischer Verwaltungsakt, sondern eine politische Grundsatzentscheidung mit langfristigen finanziellen Folgen. Eine Entscheidung, die nicht nur die Energiewende betrifft, sondern die kommunale Selbstbestimmung, die Haushaltslage, die demokratische Kontrolle und die Frage, wie viel Einfluss eine Stadt wie Crivitz in einem solchen Konstrukt ĂŒberhaupt hat.

Wer verstehen will, warum der Beitritt der Stadt Crivitz zum Energieverbund Nord und zum Zweckverband KEVâLuP so plötzlich und ohne nennenswerte öffentliche Debatte erfolgte, muss zunĂ€chst einen Blick auf die Strukturen werfen, die diesem Beschluss zugrunde liegen. Denn das, was hier geschaffen wurde, ist kein gewöhnliches kommunales Projekt, sondern ein vielschichtiges GefĂŒge aus öffentlichârechtlichen und privatrechtlichen Einheiten, das in MecklenburgâVorpommern in dieser Form bislang kaum existierte. Es ist ein Modell, das rechtlich möglich, aber politisch und finanziell hochsensibel ist â und dessen Tragweite sich erst erschlieĂt, wenn man die einzelnen Ebenen miteinander verbindet. Am Anfang steht der Energieverbund Nord, ein Zusammenschluss, der sich um die Energie Nord eG gruppiert. Diese Genossenschaft bildet das HerzstĂŒck des Verbundes und soll den beteiligten Gemeinden Zugang zu einer gemeinsamen Beschaffungsâ und Finanzierungsstruktur verschaffen. Crivitz ist dieser Struktur bereits beigetreten â ĂŒber die KAG Nord GmbH & Co. KG, eine privatrechtliche Kommanditgesellschaft, die den Gemeinden den mittelbaren Eintritt in die Genossenschaft ermöglicht. Die Einlage betrĂ€gt 10.000âŻEuro, und sie verschafft der Stadt zumindest formal einen Platz am Tisch, wenn es um Transparenz und Informationsrechte gegenĂŒber der Genossenschaft geht. Doch die KAG Nord ist nicht der Ort, an dem die eigentlichen Energieprojekte entstehen oder Gewinne erwirtschaftet werden.
Sie ist vielmehr das Tor zur nĂ€chsten Ebene. Diese nĂ€chste Ebene ist der Zweckverband Kommunaler Energieverband LudwigslustâParchim (KEVâLuP), der eigens gegrĂŒndet wurde, um die Beteiligungen der Gemeinden an Windâ und Solarprojekten im Landkreis zu bĂŒndeln. Der Verband ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, hat seinen Sitz in Brunow und soll â so die Satzung â die Aufgabe ĂŒbernehmen, eine sichere, nachhaltige und umweltgerechte Energieversorgung durch Beteiligungsmanagement zu gewĂ€hrleisten. Doch auch hier gilt: Der Verband betreibt keine Anlagen, er erzeugt keinen Strom. Er ist ein Verwaltungsâ und Steuerungsinstrument, das die Interessen der Mitgliedsgemeinden gegenĂŒber den Projektgesellschaften vertreten soll.

Die eigentliche operative Ebene liegt noch eine Stufe tiefer: bei der Kommunalen Finanzierungsâ und Beteiligungsgesellschaft LuP (KFBâLuP), einer weiteren GmbH & Co. KG, die die konkreten Beteiligungen an den Energieprojekten hĂ€lt. Der Zweckverband soll 80âŻProzent dieser Gesellschaft ĂŒbernehmen, wĂ€hrend die Energie Nord eG 20âŻProzent behĂ€lt. Die KFBâLuP wiederum beteiligt sich an einzelnen Projektgesellschaften, die jeweils als GmbH & Co. KG organisiert sind und die Windâ oder Solaranlagen tatsĂ€chlich errichten und betreiben. Damit entsteht ein dreistufiges System, das fĂŒr den kommunalen Bereich ungewöhnlich komplex ist: Gemeinden â Zweckverband â KFBâLuP â Projektgesellschaften. Jede Ebene hat ihre eigene Rechtsform, ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Risiken â und jede Ebene entfernt die Gemeinden ein StĂŒck weiter von der direkten Kontrolle ĂŒber die Projekte, an denen sie beteiligt sind.
Warum also tritt eine Stadt wie Crivitz einem solchen Konstrukt bei? Die Beschlussvorlage liefert die offizielle Antwort: Die Stadt verfĂŒgt weder ĂŒber die finanziellen Mittel noch ĂŒber das notwendige Knowâhow, um eine Windenergieanlage selbst zu betreiben oder die damit verbundenen Risiken zu steuern. Der VorhabentrĂ€ger des Windparks Wessin hat sich verpflichtet, mindestens eine Anlage zur ErfĂŒllung der gesetzlichen Beteiligungspflichten an die Stadt zu ĂŒbertragen. Doch diese Verpflichtung kann die Stadt nur erfĂŒllen, wenn sie sich einer Struktur anschlieĂt, die die technische, finanzielle und organisatorische Umsetzung ĂŒbernimmt. Der Energieverbund Nord und der KEVâLuP sollen genau diese Rolle spielen.

Doch hinter dieser offiziellen BegrĂŒndung verbirgt sich eine politische RealitĂ€t, die weit weniger ausgewogen ist. Denn der Zweckverband wird von den Standortgemeinden dominiert, allen voran Brunow, das mit 8.820âŻEuro Stammkapital rund 68âŻProzent der Stimmen hĂ€lt. Crivitz hingegen bringt lediglich 100âŻEuro ein â und erhĂ€lt damit kein Stimmrecht. Die Stadt tritt also einer Struktur bei, in der sie zwar finanzielle Verpflichtungen trĂ€gt, aber keinerlei Einfluss auf Entscheidungen hat. Sie ist Teil eines Systems, das sie nicht steuern kann, dessen Risiken sie aber mittrĂ€gt.
Diese Asymmetrie wird besonders deutlich, wenn man die finanziellen Mechanismen betrachtet. Der Zweckverband kann Kredite aufnehmen, Gesellschafterdarlehen gewĂ€hren und Umlagen erheben, wenn Projekte nicht wie geplant laufen. Die Beschlussvorlage beschreibt ausdrĂŒcklich das WorstâCaseâSzenario: Sollte ein Projekt scheitern, bleibt der Verband gegenĂŒber den Kreditinstituten zur vollstĂ€ndigen Zahlung von Zins und Tilgung verpflichtet â und muss diese Last ĂŒber Umlagen auf die Gemeinden verteilen. Crivitz trĂ€gt diese Risiken, obwohl es weder Standortgemeinde ist noch ĂŒber Stimmrechte verfĂŒgt.
Wer verstehen will, warum der Beitritt der Stadt Crivitz zum KEVâLuP so weitreichend ist, muss drei Ebenen zusammendenken: die finanziellen Risiken, die tatsĂ€chlichen ErtrĂ€ge und die politische Architektur des Verbandes. Erst in dieser Gesamtschau wird sichtbar, wie tiefgreifend die Entscheidung ist, die die Stadtvertretung getroffen hat â und wie unausgewogen das System konstruiert wurde, in das Crivitz eingebunden wurde.

Im Zentrum steht die finanzielle Struktur des Verbandes. Der KEVâLuP nimmt Kredite in Millionenhöhe auf, um die Beteiligungen an den Energieprojekten zu finanzieren. Diese Kredite laufen ĂŒber Jahrzehnte, und sie mĂŒssen unabhĂ€ngig vom wirtschaftlichen Erfolg der Projekte bedient werden. Wenn ErtrĂ€ge ausbleiben, wenn technische Probleme auftreten, wenn Genehmigungen verzögert werden oder wenn Marktpreise einbrechen, bleibt der Verband dennoch verpflichtet, Zins und Tilgung vollstĂ€ndig zu leisten. Kann er das nicht, greift der Mechanismus, der in der Satzung so unscheinbar klingt, aber politisch explosiv ist: Umlagen. Pflichtzahlungen der Mitgliedsgemeinden, die nicht verhandelbar sind. Crivitz trĂ€gt diese Umlagen mit â auch ohne Stimmrecht, auch ohne Einfluss.
Gleichzeitig sind die ErtrĂ€ge, die Crivitz aus dem Projekt erhĂ€lt, verschwindend gering. Die Beschlussvorlage nennt fĂŒr die Stadt ĂŒber 25âŻJahre eine AusschĂŒttung von 10.456âŻEuro. Das entspricht etwa 418âŻEuro pro Jahr â oder zwei Euro pro Einwohner ĂŒber ein Vierteljahrhundert. WĂ€hrend Brunow ĂŒber 3,7âŻMillionenâŻEuro erhĂ€lt, Dambeck knapp 200.000âŻEuro und Ziegendorf rund 278.000âŻEuro, steht Crivitz am Ende der Skala. Die Stadt trĂ€gt die Risiken eines Standortes, ohne die Rechte eines Standortes zu besitzen â und ohne die ErtrĂ€ge eines Standortes zu erhalten. Es ist ein finanzielles Ungleichgewicht, das sich nicht wegdiskutieren lĂ€sst.

Doch die politische Dimension wiegt mindestens ebenso schwer. Denn Crivitz ist Mitglied eines Verbandes, in dem es keine Stimme hat. Die Stimmrechte sind an das Stammkapital gekoppelt, und Crivitz bringt lediglich 100âŻEuro ein â zu wenig fĂŒr auch nur eine einzige Stimme. Entscheidungen, die die Stadt ĂŒber Jahrzehnte finanziell binden, werden von anderen getroffen. Von Gemeinden, die andere Interessen haben, andere PrioritĂ€ten, andere finanzielle Ausgangslagen. Die Verantwortung fĂŒr die Entscheidungen liegt bei den Gemeinden mit Stimmrecht â die Lasten tragen alle. Damit wird ein demokratisches Grundprinzip aufgelöst: dass Macht und Verantwortung zusammengehören.

Diese politische Schieflage wird durch die Art und Weise verstĂ€rkt, wie der Verband gegrĂŒndet und wie der Beitritt beschlossen wurde. Die Strukturen sind komplex, die Dokumente schwer verstĂ€ndlich, die Entscheidungswege fĂŒr BĂŒrger kaum nachvollziehbar. Transparenz bedeutet nicht nur, Informationen bereitzustellen, sondern sie so bereitzustellen, dass BĂŒrger sie verstehen können. Genau das ist hier nicht geschehen. Die Energiewende wurde nicht als gemeinschaftliches Projekt gestaltet, sondern als Konstruktion, in dem die Gewinne konzentriert und die Risiken verteilt werden.
Fazit:
In der Gesamtschau entsteht ein eindeutiges Bild: Crivitz erhĂ€lt aus den eingegangenen Beteiligungen nur einen sehr begrenzten finanziellen Nutzen, ĂŒbernimmt jedoch erhebliche langfristige Risiken und verfĂŒgt ĂŒber keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen, die diese Risiken auslösen können. Die Stadt bindet sich damit ĂŒber Jahrzehnte an Strukturen, die ihr kaum Vorteile verschaffen und die Energiewende politisch wie finanziell ungleich verteilen. AuffĂ€llig ist, dass mehrere dieser Entscheidungen unter erheblichem Zeitdruck, ohne ausreichende Transparenz und ohne frĂŒhzeitige Einbindung der zustĂ€ndigen Gremien vorbereitet und beschlossen wurden. Die erwarteten ErtrĂ€ge bleiben gering, wĂ€hrend die Verpflichtungen und Risiken weit ĂŒber die Amtszeit der heutigen VerantwortungstrĂ€ger hinausreichen und zukĂŒnftige Generationen belasten.
Gemeinsam ist allen VorgĂ€ngen, dass kurzfristige Einnahmenhoffnungen die sorgfĂ€ltige Bewertung langfristiger Risiken ĂŒberlagert haben. FĂŒr eine verantwortungsvolle kommunale Steuerung wird es daher entscheidend sein, kĂŒnftig auf Transparenz, frĂŒhzeitige Beteiligung und grĂŒndliche Risikoanalysen zu setzen, um die HandlungsfĂ€higkeit der Stadt dauerhaft zu sichern.