Vom geschützten Biotop zur Betonwüste – wie Windinteressen die Landschaft verändert!

09.Mai-2026 /P-headli.-cont.-red./482[163(38-22)]/CLA-318/07-2026

„Wessin: Ein Lehrstück über Macht, Geld und verlorene Natur“

Es gibt Orte, die so still sind, dass man sie fast übersieht – und gerade deshalb sind sie kostbar. Orte, die nicht laut um Aufmerksamkeit werben, sondern einfach existieren, wie ein leiser Atemzug der Natur. Zwischen den sanften Hügeln und wasserreichen Senken des Crivitzer Ortsteils Wessin, dort, wo die Landschaft seit Jahrzehnten ihren eigenen Rhythmus hat, liegt ein Gewässerbiotop, das mehr ist als ein Stück Wasser in einer Senke. Es ist ein Rückzugsraum, ein Rastplatz, ein Schlafplatz, ein lebendiger Organismus, der über Generationen hinweg Vögel, Amphibien und seltene Pflanzen getragen hat. Wessin ein Ortsteil der Stadt Crivitz ist kein zufälliger Punkt auf der Karte – es ist ein Paradies für Großvögel, ein Ort, an dem Rotmilane ihre Horste in den hohen Kronen bauen, wo Kraniche majestätisch über die Felder ziehen und ihre Jungen in der Nähe der Wasserflächen großziehen.

Wer im Frühjahr 2024 dort stand, sah nicht einfach nur Wasser. Man sah Spiegelungen des Himmels, das Tanzen der Libellen, das leise Zittern des Schilfs. Man hörte das Quaken der Frösche, das Flattern der Flügel, das Summen der Insekten. Zwischen den Ästen alter Bäume liegen Horste, kunstvoll gebaut aus Zweigen und Moos –stille Zeugnisse von Leben, das sich hier über Jahre behauptet hat.

Und unten, in den Senken, schreiten die Kraniche durch das Gras, ein Brutpaar mit seinem Jungen, das sich vorsichtig zwischen den Halmen bewegt. Die Eltern wachen über jeden Schritt, über jeden Laut, über jedes Zittern der Luft – ein Bild von Fürsorge und Vertrauen, das man nur dort findet, wo Natur noch ungestört ist. Es war ein Ort, der nicht gestaltet wurde – er war gewachsen. Ein Ort, der nicht geplant war – er war entstanden. Ein Ort, der nicht künstlich war – er war echt.

Doch dann begann der Wandel. Nicht abrupt, nicht mit einem Knall, sondern schleichend, fast heimlich. Erst ein Vermessungspfahl. Dann ein Bagger. Dann ein Weg, der keiner sein sollte. Und während die Menschen noch glaubten, es handele sich um vorbereitende Maßnahmen, war die Entscheidung längst gefallen. Denn genau hier, im Windeignungsgebiet 43/25, sollen ab 2025 sechzehn bis zwanzig Windräder entstehen – jedes ein technisches Monument von bis zu 235 Metern Höhe, jedes ruhend auf einem Fundament aus bis zu 1.700 Tonnen Beton und hunderten Tonnen Stahl.

Das Biotop, das über Jahrzehnte gewachsen war, wurde in wenigen Wochen zur Hälfte zugeschüttet. Erde, Steine, Beton – Schichten, die sich wie ein schwerer Mantel über das legten, was einmal lebendig war. Wo Wasser glitzerte, liegt nun graue Masse. Wo Frösche riefen, steht ein Fundament. Wo Natur war, ist nun ein Projekt. Pfahlgründungen bohren sich tief in den Boden, Zufahrtswege schneiden die Landschaft auf, und das Gewässerbiotop wird zu einem „Betonbiotop“ – ein Sinnbild dafür, wie Natur geopfert wird, wenn nationale Energieziele und kommunale Einnahmen für die Gemeindekassen der umliegenden Gemeinden wichtiger werden als das, was lebt.

Die Stadt Crivitz hat versucht, sich zu wehren. Veränderungssperren, eigene Energieparkplanungen, Widersprüche gegen die Unterlagen des Investors – doch all das wurde von neuen Bundesgesetzen überrollt. Mit dem Windenergieflächenbedarfsgesetz und den EEG‑Novellen wurde die kommunale Selbstbestimmung entwertet. Was früher vor Ort entschieden wurde, wird heute in Berlin festgelegt. Und so präsentiert sich die Stadt Crivitz heute, im Jahr 2026, als sehr pragmatischen und äußerst eifriger Mitspieler, der akzeptiert, was nicht mehr zu ändern ist: Einnahmen aus Windkraft sollen die sehr klamme Stadtkasse füllen, auch wenn dafür Natur unwiederbringlich verloren geht und die Belastungen für die Bürger in Wessin steigen. Die Prioritäten haben sich verschoben – weg vom Schutz des Lebendigen, hin zur Verwaltung des Mangels.

Besonders sichtbar wird dieser Kurswechsel in der Person von Alexander Gamm, der als ehemaliger Bauausschussvorsitzender, heutiger CWG ‑ Crivitz – Fraktionär und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wärme und Energie bis zum 08.12.2025 ( Ehemann der Bürgermeisterin und in Facebook als “ Paul Hermann“ aktiv) zum Gesicht dieser Entwicklung geworden ist. Er führte die Gespräche mit der WEMAG, bereitete Unterlagen vor, koordinierte Termine und leitete nicht öffentliche Sitzungen zu diesen Thema in der Stadtvertretung.Unter seiner Führung hat Crivitz den Kurs radikal gewechselt – weg von der Verteidigung der Natur, hin zur Suche nach bedeutungsvollen finanziellen Vorteilen. Er spricht von Wärmeplänen, Kooperationen mit der WEMAG, Beteiligungsmodellen an Windrädern – doch all diese Worte übertönen nicht das, was im Boden verschwindet. Denn hinter jedem Windrad steht ein Vertrag, hinter jedem Vertrag ein Pachtzins, hinter jedem Pachtzins ein Gewinn. Windinteressen bedeuten Geld – für Betreiber, für Investoren, für Pächter. Und Geld ist der leise, aber mächtige Wind, der hier stärker weht als jeder Sturm über den Feldern.

Auszug-Crivitzer Stadtblatt – September 2023
Herausgeber: Stadt Crivitz, Rathausstraße 1, 19089 Crivitz Redaktion: Britta Brusch-Gamm, J. Nützmann, B.Pirl Quellen: Text: B. Brusch-Gamm, M. Schulz, Alexander Gamm, J. Heine, U. Fritsche, J. Nützmann, B. Pirl Bild: B. Brusch-Gamm, J. Heine, M. Schulz, A. Pirl, B. Pirl, J. Nützmann; Clker-Free-Vector-Images,WEMAG/Michel Krüger, Wappen Bönnigstedt, Geoportal-Auflage: 2500

Im Genehmigungsbescheid selbst findet sich die Wahrheit schwarz auf weiß. Ausnahmegenehmigungen erlauben Eingriffe in Biotope, die eigentlich unter strengem Schutz stehen. Mit Formulierungen wie „überragendes öffentliches Interesse“ oder „keine erheblichen nachteiligen Auswirkungen“ wird legitimiert, was jeder vor Ort mit eigenen Augen sieht: dass ein zerstörtes Gewässerbiotop nicht ersetzt werden kann.

Ersatzmaßnahmen, Monitoring, Ausgleichsflächen – schöne Worte für etwas, das nicht zurückkommt. Und wenn der „Ausgleich“ dann auch noch weit weg geschaffen wird, fern von dem Ort, der geopfert wurde, bleibt nur die bittere Wahrheit: Wessin verliert, und niemand gibt ihm etwas zurück. Und während die Politik von Beschleunigung spricht, warnt der NABU vor den Folgen.

Die Umsetzung der europäischen Richtlinie RED III droht Umweltprüfungen abzuschaffen, Schutzgebiete zu schwächen und Bürgerbeteiligung zu reduzieren. Doch in Wessin ist all das längst Realität geworden. Hier wird nicht auf vorbelasteten Flächen gebaut – hier wird ein intaktes Biotop geopfert.

Die Bilder aus Wessin erzählen die Wahrheit, die kein Gutachten verschleiern kann: Zwei mächtige Horste in den Kronen alter Bäume, gebaut von Rotmilanen, die hier seit Jahren brüten. Kraniche, die in Gruppen über die Felder schreiten, ihre Rufe hallen über die Senken, und ein Brutpaar, das sein Junges im Schutz der Wasserflächen großzieht – ein Sinnbild für das Leben, das hier pulsiert.

Dieses Biotop ist kein leerer Raum, sondern ein Herzstück der Natur, ein Ort, an dem Generationen von Vögeln ihre Heimat gefunden haben.

Und selbst dort, wo man vorgibt, den Naturschutz zu achten, zeigt sich die Gleichgültigkeit: Die Amphibienzäune, die als Schutzmaßnahme um das Biotop errichtet wurden, liegen halb im Boden, halb im Wind. Sie sind umgeknickt, verschmutzt, vergessen – ein Symbol für die Halbherzigkeit, mit der man hier den Artenschutz betreibt.

Statt Frösche und Molche sicher einzusammeln, lässt man sie an den Rändern verenden.

Die Zäune, die Leben retten sollten, sind zu stummen Zeugen einer Landschaft geworden, die man nicht mehr schützt, sondern nur noch verwaltet. So geht man mit dem Naturschutz um: als Pflicht, nicht als Überzeugung.

Die Bürger sehen, wie ihre Landschaft verschwindet. Sie erleben Ohnmacht. Sie erleben Berechenbarkeit. Sie erleben, dass am Ende derjenige gewinnt, der zahlt. Die Investoren liefern Einnahmen, die Stadt liefert Flächen. Und das Biotop wird zum Bauernopfer – ein Opfer im nationalen Interesse der Energiegewinnung und zugleich ein Opfer im kommunalen Interesse, Haushaltslöcher zu stopfen.

Es ist die stille Wahrheit hinter vielen Entscheidungen: Natur hat keinen Preis, aber sie wird verkauft, als hätte sie einen. Und während die Verträge unterschrieben werden, bleibt die Erkenntnis von Richard von Weizsäcker bestehen: „Naturschutz ist nicht Luxus, sondern Überlebensstrategie.“ Diese Worte klingen heute wie ein fernes Echo – übertönt vom Rauschen der Maschinen und dem Rascheln der Geldscheine.

Die Natur und Tierwelt sind die größten Verlierer. Vögel verlieren ihre Rastplätze, Fledermäuse ihre Flugkorridore, Amphibien ihre Laichgewässer. Böden und Wasseradern werden durch Betonfundamente und Pfahlgründungen dauerhaft verändert. Ein Fundament für ein einziges Windrad bedeutet: 1.000 bis 1.700 Tonnen Beton, 400 bis 700 Kubikmeter Transportbeton, 54 Stahlbetonpfähle tief im Boden. Die schiere Masse dieser Bauwerke zeigt, wie radikal die Eingriffe sind – und wie endgültig die Transformation vom Gewässerbiotop zum Betonbiotop. Und so bleibt am Ende ein bitterer Nachgeschmack. Die Energiewende wird als „grün“ verkauft, doch hier zeigt sich eine andere Wahrheit: Sie ist oft eine Naturwende – vom Biotop zum Beton. Klimaziele werden gegen Artenvielfalt ausgespielt, Einnahmen gegen Lebensräume, politische Interessen gegen ökologische Verantwortung.

Und vielleicht wird eines Tages jemand an diesem Fundament stehen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Vielleicht wird jemand sagen: Wir wollten das Richtige – und haben das Falsche getan. Vielleicht wird jemand erkennen, dass Klimaschutz nicht bedeutet, Natur zu opfern, sondern sie zu bewahren.

Denn eines bleibt unbestreitbar:
Energie kann man neu gewinnen. Natur nicht.


Fazit: