18.März-2026 /P-headli.-cont.-red./478[163(38-22)]/CLA-314/03-2026

Wie das neue Einzelhandelskonzept entstand – und was dabei auf der Strecke blieb!
Manchmal beginnt eine große Geschichte mit einem einzigen Beschluss. In Crivitz war es der Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplans Nr. 13 „Auf dem Mühlenberg“ im Jahr 2019. Damals sollte am Stadtrand ein Gebiet für großflächigen Einzelhandel entstehen – ein neuer Aldi, ein neuer Penny, moderne Märkte, große Flächen. Doch der Plan blieb nicht, was er am Anfang war.
Im Laufe der Jahre wurde der Mühlenberg immer weiter ausgedehnt:
- plötzlich Wohnbebauung,
- plötzlich eine durchgehende Straße durch einen bestehenden LandMarkt,
- plötzlich neue Zufahrtsstraßen für die Neustadt,
- plötzlich ein Gesamtgebiet, das weit über den ursprünglichen Einzelhandelszweck hinausging.
Damit wurde klar: Dieser Bebauungsplan konnte ohne ein übergeordnetes Konzept nicht mehr weitergeführt werden. Und genau deshalb wurde 2023 das Einzelhandels- und Zentrenkonzept aufgestellt – nicht aus planerischer Weitsicht, sondern weil der Mühlenberg politisch immer größer wurde und es ein zentrales Konzept brauchte, das all diese Erweiterungen einbindet.
Doch der eigentliche Paukenschlag kommt erst am Ende:
Auf der letzten Seite der Einzelhandels- und Zentrenkonzeption taucht plötzlich die „Städtebauliche Entwicklungsstudie zum Bebauungsplan Nr. 13“ auf – und der Mühlenberg erscheint dort als „Urbanes Gebiet“ und als„Sondergebiet Einzelhandel“ bereits als Planzeichnung. Der Mühlenberg an der Parchimer Straße erhält nun einen Sonderstatus, den kein anderer Standort erhält. Gleichzeitig wird im Konzept klar festgelegt: Die anderen Standorte – Lidl im Norden, Netto im Osten – sollen eine untergeordnete Rolle spielen. Keine Aufwertung, keine neuen Funktionen, keine Perspektive.

Und genau damit schließt sich der Kreis:
Das Konzept, das angeblich die gesamte Stadtentwicklung ordnen soll, führt am Ende genau zu dem Punkt zurück, der seine Entstehung ausgelöst hat – dem Mühlenberg. Was folgte, war keine offene Debatte, sondern eine jahrelange, von der CWG dominierte Auseinandersetzung – erst über den Mühlenberg, dann über das Einzelhandels- und Zentrenkonzept, das offiziell Transparenz und nachvollziehbare Abwägungen verspricht, in der Realität aber vor allem eines tut: die Sonderolle des Mühlenberg nachträglich legitimieren.
Sieben Jahre lang bestimmte die CWG die Richtung. Drei Jahre lang prägte sie die Diskussion über das Einzelhandelskonzept.
Und während die Öffentlichkeit und die Industrie- und Handelskammer sowie der Handelsverbandüber über Sortimente, Versorgungslagen und Innenstadtentwicklung sprach, steht im Konzept selbst ein weiterer entscheidender Satz – ein Satz, der alles erklärt: „Die Umsetzung des Zentrenkonzeptes soll durch einen Handlungsleitfaden gewährleistet werden, der das Leitbild zur künftigen Einzelhandelsentwicklung für Crivitz konkretisiert. Die Handlungsschwerpunkte bilden eine Grundlage für transparente und nachvollziehbare Entscheidungen und bauleitplanerische Abwägungen der Kommune. Im Kontext mit der ortsspezifischen Sortimentsliste wird eine rechtssichere Ausgestaltung von prospektiven Entscheidungen zu möglichen Ansiedlungsvorhaben, Erweiterungsabsichten oder auch Standortveränderungen gewährleistet.“
Ein Satz, der nach Ordnung klingt – aber in der politischen Realität vor allem eines bedeutet: Der Mühlenberg bekommt den würdigen Handlungsrahmen, den er braucht.
Und am Ende stand im Februar 2026 ein Beschluss des Bauausschusses, der mehr Fragen offenlässt als beantwortet:
„Crivitz und das große Überhören“
Es gibt Geschichten, die beginnen mit einem großen Versprechen. In Crivitz hieß dieses Versprechen: Wir legen das Einzelhandelskonzept öffentlich aus – und hören zu. Die Industrie- und Handelskammer hörte zu. Der Handelsverband hörte zu. Viele Bürger hörten zu. Und sie alle sagten etwas.
Doch wer genau hingehört hat, merkt schnell: Der Bauausschuss der Stadt Crivitz hat nicht alles gehört. Und manches wollte er vielleicht gar nicht hören. Nach drei Jahren CWG- Crivitz dominierter Diskussionen, immer neuen Plänen und wiederholtem politischen Druck hat der Bauausschuss der Stadt Crivitz nun endgültig entschieden – trotz deutlicher Kritik von IHK, Handel und Unternehmen und Bürgern. Der Beschluss klingt nüchtern, aber seine Bedeutung ist alles andere als nüchtern:
(19.02.2026) TOP 10: Einzelhandels- und Zentrenkonzeption Crivitz: „Die Stadtvertretung beschließt das Konzept als städtebauliches Entwicklungskonzept gemäß § 1 Abs. 6 Nr. 11 BauGB“ Abstimmung: • Ja: 3 • Nein: 0 • Enthaltungen: 1
➡️ Drei Ja‑Stimmen legen fest, welche Entwicklungsmöglichkeiten die Crivitzer Innenstadt künftig hat – und welche nicht.
Die Handlungsempfehlungen, die angeblich schon immer da waren
Die IHK schrieb höflich, aber bestimmt:
„Kritisch ist anzumerken, dass die Gutachterin keine konkreten Handlungsempfehlungen zur Einzelhandels- und Zentrenentwicklung vor Ort formuliert.“
Eine klare Botschaft: Bitte mehr Orientierung, bitte mehr Mut, bitte mehr Plan.
Die Stadt antwortete sinngemäß: „Doch, doch – die stehen da schon. Man muss nur wissen, wo.“
Und tatsächlich: Im neuen Konzept tauchen plötzlich „lokalspezifische Empfehlungen“ auf Seite 46/47 auf. Ein Schelm, wer denkt, dass sie ohne die IHK nie dort gelandet wären.
Aber ein echtes Maßnahmenpaket? Ein Zeitplan? Verantwortlichkeiten? Fehlanzeige. Die Stadt hat den Hinweis gehört – aber nur so weit, wie es nicht weh tut.
Die Penny/Aldi-Erweiterung – ein Wunder der kommunalen Physik

Die IHK fragte völlig zurecht:
„Es fehlt die angekündigte Auswirkungsanalyse der Verkaufsflächenerweiterung.“
Die Stadt antwortete:
„Ein Einzelhandelskonzept kann diese Aufgabe nicht erfüllen.“
Mit anderen Worten: Wir erweitern erst – und prüfen später, ob es schadet.
Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Wir lassen das Schiff auslaufen – und schauen dann, ob es schwimmt.“
Die Stadt erklärt die Erweiterung zur „Modernisierung“, betont „attraktive und zeitgemäße Verkaufsbedingungen“ und verweist darauf, dass die Randsortimente ja auf 10 % begrenzt seien.
Eine echte Analyse der Auswirkungen auf Innenstadt, kleine Händler oder Kaufkraftströme? Nicht übernommen. Nicht gewollt. Nicht gemacht.
„Anna’s Laden“ – lokal geliebt, regional geehrt, aber bitte nicht zu wichtig

Die IHK lobte „Anna’s Laden“ überschwänglich, da er auch mit den IHK-Innenstadtpreis ausgezeichnet wurde:
„Der Betrieb besitzt überregionale Strahlkraft.“
Die Stadt antwortete trocken:
„Der Einstufung dieses Handelsbetriebes als ‚überregional bedeutsam‘ kann nicht gefolgt werden.“
Man könnte meinen, die Stadt wolle verhindern, dass ein einzelner Laden zu viel Bedeutung bekommt. Oder dass ein privater Betrieb plötzlich wichtiger wirkt als manche kommunale Vision.
Dabei ist „Anna’s Laden“ längst das, was viele Städte sich wünschen: Ein Magnet, ein Publikumsliebling, ein Stück Identität.
Aber im Konzept bleibt er brav in der Kategorie „innerstädtischer Magnetbetrieb“. Nicht mehr. Nicht weniger.
Der Marktplatz – endlich ein Lichtblick

Hier hat die Stadt tatsächlich zugehört.
Die IHK schrieb:
„Ein Nutzungskonzept für den Marktplatz ist erforderlich.“
Und siehe da: Im neuen Konzept steht nun:
„Für den Crivitzer Marktplatz ist die Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes zu empfehlen.“
Das ist ein Fortschritt. Vielleicht wird der Marktplatz irgendwann mehr als ein Parkplatz mit Wochenmarkt. Vielleicht sogar ein Ort, an dem man sich gern aufhält.
Aber auch hier gilt: Empfehlung ja – Umsetzung unklar.
Der Drogeriemarkt – ein Phantom zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die Verbände sagten:
„Crivitz braucht einen Drogeriemarkt.“
Die Stadt sagte:
„Ja, unbedingt! Aber… leider… passt er nicht in die Innenstadt.“
Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Wir brauchen dringend ein neues Feuerwehrhaus – aber leider haben wir keinen Platz für Feuerwehrautos.“
Die Stadt bestätigt den Bedarf, aber erklärt gleichzeitig, dass die Innenstadt keine 700 m² freie Fläche hat. Was stimmt. Aber die Frage bleibt: Warum wurde dann nicht ernsthaft geprüft, wo er sinnvoll entstehen könnte?
Grundversorgungsstandorte Nord (Lidl) / Ost (Netto) – bitte nicht zu wichtig nehmen
Die IHK wollte die Standorte Nord und Ost zu „schützenswerten Nahversorgungszentren“ aufwerten.


Die Stadt antwortete:
„Die bestehenden Grundversorgungsstandorte sollen nicht zu zentralen Versorgungsbereichen entwickelt werden.“
Übersetzt heißt das: Die Innenstadt bleibt das Lieblingskind.

Die Nord- und Ost- Standorte bleiben das ungeliebte Stiefkind – funktional geduldet, aber bitte nicht zu selbstbewusst!
Die Parchimer Straße – plötzlich ganz oben auf der Prioritätenliste

Hier wird’s politisch interessant.
Die IHK kritisierte:
„Der Expansionsstandort weist ein ÖPNV-Defizit auf.“

Die Stadt antwortete:
„Die Notwendigkeit der Einrichtung einer ÖPNV-Haltestelle wird ergänzt.“
Warum gerade hier so viel Entgegenkommen?
Man könnte spekulieren:
- Weil hier große Player investieren.
- Weil hier städtebauliche Projekte laufen.
- Weil hier politische Interessen gebündelt sind.
Ironisch gesagt: Wenn Crivitz ein Monopoly-Spiel wäre, wäre die Parchimer Straße die Schlossallee.
Was bedeutet das alles für die Bürger?
Kurz gesagt:
- Die Innenstadt bleibt das Zentrum der Welt – zumindest auf dem Papier.
- Die Grundversorgungsstandorte bleiben Nebendarsteller, obwohl viele Bürger dort einkaufen.
- Der Drogeriemarkt bleibt ein Wunschtraum, der irgendwo entstehen soll, aber nicht dort, wo er am meisten gebraucht wird.
- Die Penny/Aldi-Standorte dürfen modernisieren, ohne dass jemand genau prüft, was das für andere bedeutet.
- Der Marktplatz bekommt Aufmerksamkeit, aber noch keinen Plan.
- „Anna’s Laden“ bleibt wichtig, aber bitte nicht zu wichtig.
- Die Parchimer Straße wird aufgewertet, weil dort die Musik spielt.
Fazit:
Ein Konzept, das viel sagt – und manches verschweigt
Das neue Einzelhandelskonzept ist wie ein Politiker auf einer Bürgerversammlung:
- Es sagt viel.
- Es klingt gut.
- Es wirkt durchdacht.
- Aber wenn man genauer hinhört, merkt man, dass manche Fragen bewusst offen bleiben.
Und genau deshalb sollten die Bürgerinnen und Bürger hinschauen. Denn ein Konzept, das die nächsten 10–15 Jahre prägen soll, verdient mehr als höfliche Zustimmung. Es verdient kritische Fragen. Es verdient Transparenz. Und es verdient eine Stadt, die nicht nur zuhört – sondern auch handelt.
Sieben Jahre lang bestimmte die CWG – Crivitz den Takt bei diesem Thema : neue Pläne, neue Ideen, neue Richtungen – oft gegen die Einschätzung der Verwaltung und trotz deutlicher Hinweise von IHK und Handel. Dass nun ausgerechnet dieses Konzept beschlossen wurde im Bauauschuss am 19. Februar 2026 , zeigt vor allem eines: Die politische Mehrheit setzt sich durch, selbst wenn die fachliche Grundlage wackelt und die Bürger skeptisch sind.